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Lektion 1
Das deutsche Energiesystem und das energiepolitische Dreieck

Das gibt es hier zu erfahren

Klimaschutz und Energiewende betreffen in Deutschland in erster Linie fünf Bereiche: Energiewirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft, Gebäude und Industrie. In der öffentlichen Diskussion geht es derzeit vor allem um den Bereich Energiewirtschaft. Zu einem besseren Verständnis dieser Diskussion, wenn es in späteren Lektionen um Emissionen und Klimaschutz geht, ist deshalb die Kenntnis der Grundlagen unseres Energiesystem sehr hilfreich. Aus diesem Grund widmet sich die erste Lektion dem Aufbau, der Funktionsweise und aktuellen Rahmenbedingungen des deutschen Energiesystems.

  • So funktioniert unser Energiesystem
  • Der Energiemix in Deutschland
  • Das energiepolitische Dreieck
  • Speicherung und Übertragung im Stromsystem
  • Ausblick

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Kleine Klimaschule Lektion 1 (447,8 KiB)

1. So funktioniert unser Energiesystem

Korrekt müsste man in dieser Lektion statt vom Energie- eigentlich vom Stromsystem und Stromnetz sprechen – da Energie viel mehr als nur den Strom umfasst. Wir handhaben diese Begriffe hier weniger streng, was auch der öffentlichen Diskussion entspricht. Vereinfacht dargestellt, stehen sich in Deutschland die Erzeuger und Verbraucher von Energie immer in einem Gleichgewicht gegenüber. Auf einer Seite speisen Erzeuger genau die Menge Energie in das System ein, die auf der anderen Seite von den Verbrauchern gerade benötigt wird. Das Energienetz sorgt für die Übertragung der Energie.

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Energieerzeugung und Energieträger: Energie wird aus fossilen oder erneuerbaren Energieträgern sowie aus Kernkraft erzeugt. Zu den fossilen Energieträgern zählen Kohle, Gas und Erdöl. Aus ihnen wird in Kraftwerken Energie erzeugt. Erneuerbare Energien werden mit Windkraftanlagen aus Wind- und mit Photovoltaikanlagen aus der Sonnenenergie sowie in entsprechenden Anlagen aus Biomasse und Geothermie gewonnen. Zu den erneuerbaren Energieträgern zählt zudem Laufwasser, aus dem z.B. mit Hilfe von Staudämmen und Wasserkraftwerken Energie gewonnen werden kann. Eine Sonderform davon stellen die Pumpspeicherkraftwerke dar. Kernkraft wird in Kernkraftwerken gewonnen.

Energienetz: Beim Energienetz wird das Übertragungsnetz und das Verteilnetz unterschieden. Das Übertragungsnetz liefert Strommengen über größere Entfernungen z.B. mit Hochspannungsleitungen oder Erdkabeln. Das Verteilnetz liefert den Strom dann vom Übertragungsnetz in Haushalte und Betriebe und wird z.B. von Stadtwerken betrieben.

Gesicherte und volatile Energie: Neben der Unterscheidung in fossile und erneuerbare Energieträger ist für ein Verständnis des Energiesystems die Unterscheidung von gesicherter und volatil erzeugter Energie sehr wichtig. Kraftwerke können ständig Energie ins System einspeisen, weshalb die Energieträger Kohle, Gas, Öl, Kernkraft und Biomasse gesicherte Energie liefern können. Bei diesem Thema wird oft von sicherer Leistung (Grundlast) gesprochen. Sie ist für den stabilen Betrieb des Energienetzes notwendig. Die Erzeugung von Energie aus Wind und Solar ist abhängig vom Wind und dem aktuell verfügbaren Sonnenschein und gilt damit als nicht gesichert bzw. geregelt verfügbar.

Energieverbrauch: Die Energie wird auf der anderen Seite vorwiegend durch Privathaushalte und die Wirtschaft (Unternehmen, Industrie etc.) verbraucht. Nachts, wenn alle schlafen und weniger Unternehmen arbeiten, ist der Energieverbrauch geringer und steigt tagsüber mit der Aktivität der Wirtschaft an. Morgens und abends wird zudem in den Privathaushalten mehr Energie verbraucht, bevor die Menschen zur Arbeit gehen bzw. nachdem sie von selbiger heimkehren. Zudem ist der Energieverbrauch in bestimmten Jahreszeiten höher, z.B. wenn die Temperaturen kälter sind und es länger dunkel ist, da in diesen Zeiten mehr Energie für Wärme und Licht benötigt wird.

Das Gleichgewicht: Erzeuger und Verbraucher werden durch das Stromnetz verbunden. Dessen Betreiber müssen minutenscharf immer für ein Gleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch sorgen. Würde entweder zu viel oder aber zu wenig Energie ins Stromnetz eingespeist als auf der anderen Seite bei den Verbrauchern benötigt, würde das Stromnetz zusammenbrechen. Elektrische Energie kann in den Verbundnetzen kaum gespeichert, sondern nur zwischen Erzeuger und Verbraucher verteilt werden. Der eingespeisten Energie muss deshalb zu jedem Zeitpunkt ein gleich großer Verbrauch gegenüberstehen. Deshalb sorgt ein ausgeklügeltes System für ein beständiges Gleichgewicht im Stromnetz und jederzeit für eine einheitliche Frequenz. Im europäischen Stromsystem beträgt diese Frequenz 50 Hertz. Der Energie-Mix aus fossilen und erneuerbaren Energien und derzeit noch der Kernkraft, der ins Stromnetz eingespeist wird, muss also immer genau auf den aktuellen Verbrauch abgestimmt werden. Wird von einem Energieträger mehr Energie geliefert, muss ein anderer Energieträger entsprechend reduziert werden. Dabei muss aber jederzeit und zuverlässig so viel Energie lieferbar sein, wie von den Verbrauchern benötigt wird. Das Stromnetz wird in dieser vereinfachten Darstellung von drei Akteuren bestimmt: den Energieerzeugern, den Verbrauchern und den Betreibern des Stromnetzes.

Potenziale der Energieträger: Erneuerbare Energie aus Laufwasser und Biomasse gilt in Deutschland als ausgeschöpft. Aufgrund fehlender zusätzlicher Flächen in der Landwirtschaft zur Gewinnung von Biomasse für entsprechende Verbrennungsanlagen gilt Biomasse als Energieträger als kaum erweiterbar. Zudem ist mit der Wandlung von Biomasse in Energie der ethische Konflikt mit der Nahrungsmittelknappheit in anderen Regionen der Welt verbunden. Eine Erweiterung dieses Energieträgers wäre in gewissem Umfang dann möglich, wenn sich der Fleischkonsum in Deutschland erheblich reduziert und deutlich weniger Flächen für den Anbau von Futtermitteln für die Tierhaltung benötigt werden. Hierzu erfolgen in späteren Lektionen bei der Betrachtung der Landwirtschaft sicher ausführliche Informationen. Energie aus Laufwasser gilt aufgrund der geografischen Gegebenheiten (Staudämme etc.) sowie des teuren Neubaus, der mangelnden Akzeptanz bei der lokalen Bevölkerung und des derzeit nicht wirtschaftlichen Betriebs von Pumpspeicherkraftwerken, ebenso als kaum erweiterbar. Geothermie spielt in Deutschland aufgrund fehlender geografischer Rahmenbedingungen und vor allem Risiken, z.B. von Erderschütterungen oder dem Durchtrennen von Grundwasser leitenden Schichten, ebenso kaum eine Rolle. Die weiteren Energieträger (Wind, Solar, Kohle, Atom, Gas und Erdöl) können grundsätzlich in ihren Potenzialen abhängig vom politischen Willen gemindert oder gesteigert werden, weshalb sich Betrachtungen zum Klimaschutz auch auf diese Energieträger fokussieren.

Verfügbarkeit der Energieträger: Ein letzter Betrachtungspunkt ist die Verfügbarkeit der Energieträger in Deutschland. Hierbei lassen wir die Energieträger mit bereits ausgeschöpftem Potenzial unbeachtet. Da der Ausstieg aus Kernenergie in Deutschland bis Ende 2022 beschlossen ist, gilt dies auch für Atomenergie. Wind und Sonne sind in Deutschland natürlich verfügbar. Der Ausbau der Windenergie an Land (auch „onshore“ genannt) gestaltet sich aufgrund der mangelnden Akzeptanz bei der lokalen Bevölkerung zunehmend schwierig, deshalb konzentriert man sich verstärkt auf neue Windkraftanlagen auf dem Meer (auch „offshore“ genannt). Gas und Erdöl werden in Deutschland nur in sehr geringen Mengen gewonnen und deshalb importiert. Diese Energieträger stammen vorwiegend aus drei bis vier Regionen: zum kleinsten Teil und nachlassend aus Norwegen, zunehmend auch aus den USA (sogenanntes Fracking Gas) und vor allem aus Russland sowie von der arabischen Halbinsel bzw. aus dem Persischen Golf. Bei der Kohle muss man in Stein- und Braunkohle unterscheiden. Steinkohle wird in Deutschland seit 2019 nicht mehr abgebaut, sie kommt in der Regel per Schiff aus Australien, Asien oder Südafrika. Braunkohle ist in Deutschland verfügbar und wird noch in drei Regionen abgebaut (Rheinland, Mitteldeutschland und Lausitz).

2. Der Energiemix in Deutschland

Der Energiemix in Deutschland, das heißt der Anteil der einzelnen Energieträger zur ins Energiesystem insgesamt eingespeisten Energiemenge, wird zunehmend durch das EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz) als Grundlage der deutschen Energiewende bestimmt. Es regelt u.a. die Vorfahrt für erneuerbare Energieträger bei der Einspeisung ins Stromnetz – einfach gesagt, wird erneuerbare Energie immer zuerst ins Stromnetz aufgenommen. Die übrigen Energieträger liefern den restlichen Bedarf und sorgen durch gesicherte Leistung für die Netzstabilität. Da die ausführlichen Zusammenhänge der Entwicklung des Energiemixes der späteren Lektion zur deutschen Energiewende vorbehalten sind, werden an dieser Stelle lediglich die aktuellen Beiträge der einzelnen Energieträger Deutschlands zur Stromproduktion betrachtet.

Strom wird wie alle Güter einer Volkswirtschaft auf einer Art Strommarkt gehandelt. Dort bestimmt der Preis die Reihenfolge, in der Energieträger zum Einsatz kommen. Günstige Energieträger werden von den Netzbetreibern sozusagen zuerst eingekauft und bei Mehrbedarf dann auch die kostenintensiveren Energieträger. Das nennt man auch „Merit-Order-Prinzip“. Abgesehen von den erneuerbaren Energieträgern, die immer zuerst eingespeist werden, gestaltet sich die Reihenfolge der Energieträger mit ihren Preisen auf dem Strommarkt von günstig nach teuer sowie nach der Notwendigkeit der jeweiligen Anlage heute wie folgt:

  • EEG-Anlagen (Erneuerbare Energien)
  • KWK-Anlagen (Anlagen, die neben Strom auch Wärme erzeugen – unabhängig vom Energieträger)
  • Atomenergie
  • Braunkohle
  • Steinkohle
  • Gas
  • (Sonderposition: Pumpspeicherwerke)

 

Der Kraftwerkseinsatz nach dem Merit-Order-Prinzip

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Der Preis, den jeder Energieerzeuger auf dem Markt für seine gelieferte Energie erhält, entspricht dabei immer dem Preis des teuersten benötigten Energieträgers. Wenn so viel Energie nachgefragt wird, dass die Leistung der Kraftwerke für Kohle, Atom und Gas benötigt wird, erhalten auch die Erzeuger von Kohle- und Atomstrom den höheren Gaspreis auf den von ihnen gelieferten Strom. Reicht bei weniger Bedarf die Leistung der Braunkohle- und Atomkraftwerke aus, erhalten diese den günstigeren Preis für Atomstrom, während die Steinkohle- und Gaskraftwerke dann keinen Strom liefern. Je mehr Energie nachgefragt wird, desto stärker profitieren also die Erzeuger der günstigen Energieträger. Für Erzeuger erneuerbarer Energie gilt dies nicht, sie erhalten jederzeit einen garantierten Festpreis. Dies gilt auch unabhängig davon, ob diese Energie zum Zeitpunkt ihrer Erzeugung tatsächlich benötigt wird.

Hinweis: Aktuell wird der Energieträger Gas auf dem Strommarkt durch verschiedene Entwicklungen zu einem ähnlichen Preis wie Braunkohle gehandelt. Das liegt zum einen an dem gestiegenen Preis für CO2-Zertifikate im Rahmen des Emissionshandels, zum anderen daran, dass die USA und Russland derzeit enorme Mengen Gas am europäischen Strommarkt anbieten.

Da erneuerbare Energien Vorfahrt haben und mit zunehmenden Mengen in das Energiesystem eingespeist werden, sinkt der Bedarf an den anderen Energieträgern. In den vergangenen Jahren bedeutete das, dass insbesondere Energie aus Erdgas aufgrund ihrer höheren Kosten immer seltener nachgefragt wurde. Braunkohle hatte als günstigster Energieträger mit ca. 25 % den größten Anteil aller Energieträger an der deutschen Stromerzeugung, gefolgt von Wind (ca. 20 %), Steinkohle (ca. 13 %) und Atom (ca. 12,5 %). Da Wind- und Solarenergie wechselhaft anfallen und nicht immer verfügbar sind, liefern Kohle und Atom aktuell noch knapp die Hälfte des in Deutschland benötigten Stroms, Erneuerbare insgesamt mit Wind, Solar, Biomasse und Wasser ca. 41 %, den Rest liefert Gas. Wer sich für den aktuellen Strommix interessiert, kann diesen tagesaktuell und rückblickend auf einer Webseite des Fraunhofer-Instituts unter www.energy-charts.de einsehen. Hier wird auch der Unterschied bei der Einspeisung zu unterschiedlichen Jahreszeiten deutlich, so empfiehlt sich eine Betrachtung unterschiedlicher Monate und die Auswirkung von volatil erzeugter Energie aus Wind und Sonne auf die sicher verfügbaren Energieträger.

Anteile der Energieträger 2018

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Eine Sonderrolle kommt den Pumpspeicherwerken zu. Sie nutzten früher meist billigen Nachtstrom, um Wasser ins Oberbecken zu pumpen und lieferten ihre Energie dann tagsüber genau zu den Zeiten, in denen kurzfristig viel Energie benötigt und auch teurer vom Netzbetreiber eingekauft wurde. Sie sind nach wie vor die einzigen großtechnischen Anlagen, die durch ihre Funktionsweise Energie zwischenspeichern und wieder freisetzen können. Je größer die möglichen Preisdifferenzen, desto besser können sie ihre Funktion erfüllen. Durch die Zunahme erneuerbarer Energie im System nehmen heute die Preisschwankungen ab, auch in Zeiten mit großem Energiebedarf wird weniger zusätzliche Energie benötigt. Der wirtschaftliche Betrieb von Pumpspeicherkraftwerken gestaltet sich durch die Veränderungen in Energiewirtschaft und Energiepolitik immer schwieriger.

Für ein Verständnis zum Mix der Energieträger ist zudem eine Unterscheidung der Begriffe Grundlast, Mittellast und Spitzenlast hilfreich. Darunter ist folgendes zu verstehen:
Grundlast: Die Grundlast ist die Energiemenge, die kontinuierlich und jeden Tag 24 Stunden lang benötigt wird.
Mittellast: Tagsüber steigt der Energiebedarf durch die Tätigkeit der Wirtschaft an, diese Steigerung wird als Mittellast bezeichnet.
Spitzenlast: Sie beschreibt kurze Zeiträume mit sehr hohem Energiebedarf, wie z.B. den Arbeitsbeginn in Wintermonaten, wenn die Wirtschaft in kurzer Zeit viel Energie zum „Hochfahren“ verbraucht.
Als grundlastfähige Energieträger bezeichnet man solche Energieträger, die rund um die Uhr sicheren Strom produzieren können.
Heut werden diese Lasten aus allen zur Verfügung stehenden Energieträger und auf Grundlage der EEG-Regelungen bedient, sowohl durch volatile als auch gesicherte Energieträger.

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3. Das energiepolitische Dreieck

Das energiepolitische Dreieck ist eine Vereinfachung zum Verständnis von Entscheidungen in der Energiewirtschaft. Wir betrachten es im ersten Schritt unabhängig von Aspekten wie Energiewende und Klimaschutz.

Das energiepolitische Dreieck als Schema für Entscheidungsgrundlagen und Zielkonflikte

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Bei einem Dreieck gibt es immer den Zielkonflikt, dass man sich einem Eckpunkt nur nähern kann, wenn man sich von mindestens einem der anderen Eckpunkte entfernt. Das bedeutet, wenn ich einem der Ziele Sicherheit, Umweltschutz oder Wirtschaftlichkeit näherkommen möchte, werden andere Ziele weniger gut erfüllt. So sind Investitionen in den Umweltschutz mit Kosten verbunden, die Energie teurer und in diesem Sinne weniger wirtschaftlich machen. Ebenso kann durch Maßnahmen des Umweltschutzes die Effizienz der Energieerzeugung sinken, z.B. durch die Installation von Filteranlagen für Schadstoffe, die dem Gesamtprozess erzeugte Energie entziehen. Das energiepolitische Dreieck hilft zu verstehen, dass Entscheidungen immer in einem Abwägen dieser drei Bereiche getroffen werden. Wer nur an Wirtschaftlichkeit denkt, vernachlässigt Umweltschutz und Sicherheit, wer nur an Umweltschutz denkt, vernachlässigt entsprechend Sicherheit und Bezahlbarkeit. Zum Umweltschutz zählen z.B. Maßnahmen wie Filteranlagen für Feinstaub und andere Emissionen von Kohlekraftwerken oder die Rekultivierung von Tagebauflächen, ebenso müssen beim Bau von Windkraft- oder Solaranlagen auf landwirtschaftlichen Flächen oder in Waldgebieten im selben Umfang Ausgleichsflächen geschaffen und nach bestimmten Bedingungen umweltfreundlich aufbereitet werden. Auch der Rückbau dieser Anlagen muss unter umweltverträglichen Gesichtspunkten stattfinden. Insofern ist der Bereich Umweltschutz im energiepolitischen Dreieck unabhängig von der Energiewende zu sehen, die diesem Ziel natürlich in den vergangenen Jahren deutlich mehr Gewicht gibt. So ist die Vorfahrt für erneuerbare Energien in das deutsche Stromnetz zum Festpreis eine Entscheidung, die Sicherheit und Wirtschaftlichkeit komplett außer Acht lässt. Ansonsten ist das energiepolitische Dreieck ein Entscheidungsschema, das unabhängig von Energiewende und der aktuellen Klimaschutz-Debatte schon immer vereinfacht Zielkonflikte sichtbar macht und so auch vielfältig in Vorträgen und Veröffentlichungen zu Energiethemen zu finden ist.

Mit Blick auf die folgenden Lektionen scheint allerdings die Ergänzung eines weiteren Kriteriums sehr hilfreich, da die drei historischen Merkmale allein aktuelle Entscheidungen nicht mehr vollständig erklären können. Insofern erweitern wir auch für künftige Darstellungen in der kleinen Klimaschule das Dreieck zu einem Viereck, in dem „Akzeptanz“ als viertes Merkmal eingeführt wird.

Um den zunehmenden Einfluss gesellschaftlicher bzw. politischer Akzeptanz auf energiepolitische Entscheidungen zu verdeutlichen, empfiehlt sich die Erweiterung des energiepolitischen Dreiecks zu einem

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Das Merkmal „Akzeptanz“ gab bereits bei der Entscheidung zum Atomausstieg den entscheidenden Ausschlag. Atomenergie erfüllt die Ziele Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit. Selbst beim Umweltschutz mit Blick auf viel diskutierte Emissionen gilt Kernkraft in vielen Ländern als emissionsarm (CO2-Reduzierer) und umweltfreundlich. Die fehlende gesellschaftliche bzw. politische Akzeptanz in einem Land kann dennoch dazu führen, dass über einen Energieträger unabhängig von Fakten in Wirtschaftlichkeit, Sicherheit und Umweltschutz entschieden wird. So war und ist es beim Atomausstieg Deutschlands der Fall.

4. Speicherung und Übertragung im Energiesystem

Zuletzt sollen als Grundlagen die Speicher- und Übertragungsmöglichkeiten im deutschen Energiesystem betrachtet werden.

Zur Speicherung: Heute ist eine Speicherung von Energie im Stromnetz in großen Maßstäben nicht möglich. Wird zu viel Energie erzeugt, kann diese nicht für Zeiten mit Energiemangel zwischengespeichert werden. Das ist nur im kleinen Maßstab (Einfamilienhäuser, autarke ländliche Dörfer etc.) möglich. Zwar wird eifrig an der Erforschung von Speichertechnologien für große Energiemengen geforscht. Experten gehen heute aber davon aus, dass erst nach 2020 überhaupt Aussagen möglich sind, welche Speichertechnologien für eine Anwendung im großen Maßstab die richtigen sind. Diese müssen dann aber erst entwickelt und für die Anwendung umgesetzt werden. So wurden für sogenanntes „grünes Gas“, bei dem mittels Elektrolyse aus Wind- oder Solarstrom Gas zur späteren Umwandlung in Energie gewonnen wird, zwar vor knapp zehn Jahren kleine Demonstrationskraftwerke geschaffen, seitdem ist aber nichts mehr passiert. Aktuell widmen sich viele Modellprojekte diesem Thema, meist ist dabei von Wasserstoff oder H2 die Rede. Sie wandeln überschüssigen Wind- oder Solarstrom in Wasserstoff (oder grünes Gas) um, das als Energiespeicher funktioniert und später wiederum in elektrische Energie gewandelt werden kann. Es wird voraussichtlich noch ein Jahrzehnt vergehen, bis aus diesen Modellprojekten erste großtechnische Anlagen entwickelt werden können. Niemand kann heute sagen, wann Energiespeicher im großen Maßstab zur Verfügung stehen. Heute können lediglich Pumpspeicherwerke einen Energieüberschuss nutzen und Wasser aus einem Fluss oder Unterbecken in ein Oberbecken pumpen, um dann bei Energiemangel das Wasser abfließen zu lassen und die daraus erzeugte Energie wieder ins Stromnetz abzugeben. Als Speicher spielen diese Anlagen aufgrund ihrer geringen Anzahl, des lediglich kurzfristigen Ausgleichs sowie der mangelnden Wirtschaftlichkeit für die wachsenden Anforderungen an eine langfristige Speicherung allerdings kaum eine Rolle. Auch Vorhaben im Bereich von Batteriespeichern verfügen nur über sehr geringe Kapazitäten. So soll in der Lausitz eine Big Battery mit einer Leistung von 50 MW entstehen, das entspricht 0,05 Gigawatt. Zum Vergleich: Bei starkem Wind fallen an einem Tag hunderte Gigawattstunden Strom an, für die es künftig einer Speicherung bedarf. Technologien dazu stecken weltweit noch in Kinderschuhen.

Zum Übertragungsnetz: Ein weiteres Kriterium im Stromsystem ist die Leistungsfähigkeit des Übertragungsnetzes, vor allem, um Energie aus dem windreichen Norden Deutschlands in den wirtschaftlich und bevölkerungsstarken Südwesten zu bringen. Der Ausbau der bisher geplanten Übertragungsnetze mit einer Gesamtlänge von 7.700 Kilometern kommt nur sehr langsam voran. Realisiert waren im 3. Quartal 2018 erst 950 Kilometer, davon 30 Kilometer im gesamten Jahr 2017. Bereits genehmigt sind 1.800 Kilometer, noch zu genehmigen 5.900 Kilometer, noch umzusetzen 6.750 Kilometer (Stand Jahresbeginn 2019). Langwierige Planungs- und Klageverfahren infolge der mangelnden Akzeptanz bei der betroffenen Bevölkerung verzögern den Netzausbau. Man kann heute schwer sagen, wie viele Jahre bzw. Jahrzehnte er noch benötigen wird. Aktuell wird über Möglichkeiten zur Planungsbeschleunigung diskutiert. Die Übertragungsnetze sind die Grundlage, um die verstärkt auf dem Meer ausgebaute Windenergie dorthin zu transportieren, wo sie benötigt wird.

5. Ausblick

Die Grundlagen zum Energie- bzw. Stromsystems erleichtern in kommenden Lektionen das Verständnis bei der Betrachtung auch anderer Sektoren insbesondere hinsichtlich Emissionen und Klimaschutz. Dabei hilft die Unterscheidung in sichere und volatil erzeugte Energie sowie die Einführung der Akzeptanz als ein Kriterium, das abseits von gegebenen Fakten Einfluss auf Entscheidungen nimmt. Anmerkungen zur Sicherheit, Bezahlbarkeit, Speicherung und Übertragung helfen bei späteren Darstellungen zu erkennen, welche Forderungen tatsächlich einen realistischen Beitrag für den globalen Klimaschutz liefern können.

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Kommentare

Kommentar von blume |

Sehr gut und verständlich beschrieben. Endlich mal sachliche Fakten statt einseitiger Halbwahrheiten und Populismus